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Freitag, 19. Mai 2017

"Mozartiana": Lieder ohne Worte, oder: Wenn Instrumente singen




Das dritte Benefizkonzert in der Reihe "Mozartiana" mit drei prominenten Solisten und einem original Conrad Graf-Flügel aus dem Jahr 1827

Augsburg/KF/KPP - Am Dienstag, dem 30. Mai 2017, findet zum dritten Mal die "Mozartiana" statt, ein Benefizkonzert, das sich mit der Musik der Familie Mozart und ihren künstlerischen Auswirkungen beschäftigt und dazu auch Gäste einlädt. Dieses Jahr steht der Abend unter dem Motto „Lieder ohne Worte“, und begrüßt werden zwei Ehrengäste: der Soloklarinettist der Bayerischen Staatsoper, Markus Schön, und ein Flügel aus dem Jahr 1827.

Das diesjährige Benefizkonzert der Gesellschaft der Freunde der Universität Augsburg steht wie immer unter dem Stern der Familie Mozart, aber auch unter dem anderer Komponisten, die für den eigenen Klang ihrer Instrumente schrieben und deren Besonderheiten kompositorisch berücksichtigten. Eine bemerkenswerte Entwicklung erlebten im 18. Jahrhundert die Tasteninstrumente, die durch deutsche Klavierbauer neu erfunden wurden. Wolfgang A. Mozart war derjenige, der die Piani des Augsburgers Andreas Stein durch seine Wertschätzung berühmt machte, und einer, der - wie die ihm nachfolgenden Komponisten noch vom Cembalo zum Hammerklavier kommend - Musik schrieb und sie den Qualitäten und dynamischen Feinheiten entsprechend entwickelte. Von dieser sensiblen und phantasievollen Beachtung und Beobachtung der Instrumente wird die "Mozartiana" am 30. Mai ein Beispiel geben.

Schmuckstücke der Kammermusik

Einige der schönsten Beispiele der Kammermusik aus jener musikalischen Zeitenwende führen die drei Künstler Julius Berger, Christoph Hammer und Markus Schön vor. Sie moderieren und interpretieren Melodien, die auf den Instrumenten „gesungen“ werden, elegisch oder auch energiegeladen, berührend oder verspielt: Beethovens Variationen über die Mozartarie „Bey Männern, welche Liebe fühlen“, einzelne kammermusikalische Schmuckstücke von Schubert, Schumann und Mendelssohn Bartholdy und als Finale Beethovens bekanntes Gassenhauser-Trio.

Original Conrad Graf-Flügel aus dem Jahr 1827

Die Attraktion des Abends, die die Besonderheiten und große Bandbreite klanglicher Möglichkeiten der damaligen Zeit vor Augen führt, ist ein original Conrad Graf-Flügel aus dem Jahr 1827 aus der Sammlung der Christa und Reinhold Buhl Stiftung. Er wird eigens für die "Mozartiana" nach Augsburg gebracht. Auf einer Spezialanfertigung desselben Klavierbauers spielte und komponierte Beethoven in seinen späten Jahren. Conrad Grafs Klaviere waren in den 20er und 30er Jahren des 19. Jahrhunderts die gesuchtesten und berühmtesten Instrumente in ganz Europa. Christoph Hammer, ausgewiesener Experte und Inhaber der Professur für historische Tasteninstrumente am Leopold-Mozart-Zentrum der Universität Augsburg, wird  am 30. Mai moderierend die besondere Spielart des Hammerflügels verdeutlichen und gemeinsam mit seinem Kollegen am LMZ, dem weltweit renommierten Cellisten Prof. Julius Berger, und dem Gast des Abends, Prof. Markus Schön, Soloklarinettist der Bayerischen Staatsoper und Professor in Graz, den Weg von der Klangwelt der Klassik in diejenige der Romantik vorführen.

Unterstützung musikalischer Talente

Mit der Benefiz-Konzertreihe "Mozartiana" soll die musikalische Arbeit am LMZ der Universität Augsburg unterstützt werden, wobei die Förderung studentischer Talente im Vordergrund steht. Als Veranstalterin lädt die Gesellschaft der Freunde der Universität daher alle Gäste und Musikförderer ein, zu diesem Abend ihre finanzielle Großzügigkeit mitzubringen.
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Mozartiana III: Lieder ohne Worte

Benefizkonzert am 30. Mai 2017 um 19.30 Uhr im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses
Eintritt frei, Spenden werden erbeten
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Programm:

• Ludwig van Beethoven (1770-1827): 7 Variationen über „Bey Männern, welche Liebe fühlen“ WoO 46

• Ludwig van Beethoven (1770-1827 / Ivan Müller (1786-1854): „Adelaide“ op.46 arr.. für Klarinette und Klavier von I. Müller (ca. 1820-30)

• Franz Schubert (1797-1828): Impromptu Ges-Dur op.90,3

• Johann Nepomuk Hummel (1778-1837): aus: Sonate A-Dur für Violoncello und Klavier A-Dur op.104, 2. Satz: Romanze. Poco Adagio

• Norbert Burgmüller (1810-1836): Duo Es-Dur für Klarinette und Klavier op.15

- Pause –

• Wolfgang Amadé Mozart (1756-1791): Andantino B-Dur KV 374g - Fragment

• Franz Xaver Mozart (1791-1844): Aus den 4 Polonaises mélancoliques op.22

• Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847): aus: Sonate Es-Dur für Klarinette und Klavier MWV Q 15, 2. Satz: Andante

• Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847): „Lied ohne Worte“ D-Dur op.109 für Violoncello und Klavier

• Ludwig van Beethoven (1770-1827): Trio B-Dur op.11 für Klarinette, Violoncello und Klavier („Gassenhauer-Trio“), Allegro con brio, Adagio, Tema: Pria ch´io l´impegno. Allegre9o con 9 variazioni


Pressestelle der Universität Augsburg
Klaus P. Prem / Michael Hallermayer
Tel: 0821/598-2094

Donnerstag, 18. Mai 2017

DR Kongo: Kampf gegen Ebola. Malteser International verteilt Schutzanzüge gegen hochinfektiöse Krankheit


Bereits seit Jahren unterstützt Malteser International Gesundheitseinrichtungen in der DR Kongo.
 Foto: Malteser International


Köln. Zwei Jahre nach der großen Ebola-Epidemie in Westafrika sind in der DR Kongo erneut Menschen an Ebola erkrankt, drei sind bereits an dem Virus gestorben. In der vom Ebola-Ausbruch betroffenen Provinz Bas-Uélé im Nordosten des Landes arbeiten nur wenige Hilfsorganisationen, schnelle internationale Hilfe ist schwierig. So wie die Weltgesundheitsorganisation unterstützt Malteser International nun die örtlichen staatlichen Gesundheitseinrichtungen.

Damit sich die Epidemie nun nicht weiter ausbreitet und der Virus weitere Menschenleben fordert, werden die Malteser an das Personal in den Gesundheitseinrichtungen eine umfangreiche Schutzausrüstung verteilen. Dazu gehören Schutzanzüge, Gummistiefel, Atemmasken und Leichensäcke.
Ärzte und Pflegepersonal sind besonders gefährdet, sich selbst mit dem Virus zu infizieren, denn die Krankheit ist hoch ansteckend.

Zusätzlich werden die Malteser die Bevölkerung und die Mitarbeiter der Kliniken darin schulen, die Krankheit rechtzeitig zu erkennen und die Patienten korrekt und sicher zu behandeln. „Es ist in diesem Stadium sehr wichtig, dass sich die Epidemie nicht weiter verbreitet und noch mehr Menschenleben kostet“, sagt Roland Hansen, Leiter der Afrikaabteilung von Malteser International. Vor zwei Jahren hatte eine Ebola-Epidemie in West-Afrika mehr als 10.000 Menschenleben gekostet.


Die Malteser rufen zu Spenden für die Menschen in der Region auf:

Malteser Hilfsdienst e. V.
Konto IBAN: DE103 7060 120 120 120 001 2
BIC: GENODED 1PA7
Stichwort:„Afrika“


Mittwoch, 17. Mai 2017

Digitale Botanik: Forscher verknüpfen Wissen über fossile und aktuelle Pflanzen




Datenbank DIGIPHYLL soll neuartige Pflanzenbestimmung über Blätter ermöglichen – auch für Laien / Land fördert mit 185.000 Euro
Ein Blatt in der Natur finden, es online vergleichen, die Pflanzenart bestimmen und dann die entsprechende Pflanze in den Hohenheimer Gärten anschauen – das ist bereits in rund einem Jahr möglich. Die Blätter dürfen sogar fossil und bis zu 30 Mio. Jahre alt sein. Möglich machen es vier Botaniker und Paläontologen der Universität Hohenheim und des Naturkundemuseums Stuttgart, die ihre Datenbanken und Sammlungen zusammenführen. Ein neues Webtool soll allen Interessierten erlauben, darauf zuzugreifen. Das Wissenschaftsministerium fördert das weltweit einzigartige Projekt über die „Landesinitiative Kleine Fächer in Baden-Württemberg“ mit 185.000 Euro.

Weltweit einzigartig macht das Projekt, dass es einen einheitlichen Such- und Bestimmungsstandard für fossile und rezente, das heißt heutige Blätter schafft – bisher gab es lediglich lokal begrenzte Bestimmungssysteme. „Das ist ein Meilenstein für die Paläobotanik“, stellt Dr. Helmut Dalitz, Botaniker an der Universität Hohenheim und Leiter der Hohenheimer Gärten fest. „Wir verwenden dazu die Blätter einer Pflanze oder deren Abdrücke.“

„Über Blätter lassen sich Pflanzen recht gut bestimmen. Und fossil kommen Blätter häufig vor als Versteinerungen oder Abdrücke“, erklärt PD Dr. Anita Roth-Nebelsick, Paläobiologin am Naturkundemuseum Stuttgart. „Aus ihnen bekommen wir Informationen über die Flora und das Klima, das zu ihren Lebzeiten herrschte. Kleinere und hartlaubige Blätter deuten z.B. eher auf trockenes Klima hin, große Blätter sprechen für mehr Feuchtigkeit.“

„Und wir bekommen auch ökologische Informationen durch die Blattbestimmungen. Gab es Wald, wie sah er aus, welche Tiere gab es, wie sah die Umwelt aus. Das ist der Link von den fossilen Funden zu Erkenntnissen, die wir auch heutzutage nutzen können.“

Forscher führen drei Datenbanken zusammen
Das Naturkundemuseum steuert für das neue Webtool zwei Datenbanken bei. MORPHYLL – in ihr sind rund 6.000 fossile Blätter aus 8 europäischen Museen gespeichert, und eine Datenbank zu sogenannten Kutikula, die ebenfalls im Rahmen dieses Projektes erstellt wird.
„Eine Kutikula ist die von den Zellen der Blattoberfläche ausgeschiedene dünne Wachsschicht. Sie liefert uns Informationen über das Blatt und die Pflanze und kann auch noch nach Millionen Jahren erhalten sein“, erklärt Prof. Dr. Johanna Eder, Paläontologin und Direktorin des Naturkundemuseums Stuttgart.
Von der Universität Hohenheim kommt die Rezent-Blatt-Datenbank mit Pflanzen, die in den Hohenheimer Gärten heimisch sind. Für das Projekt werden Blätter so eingescannt, dass sie mit versteinerten Blättern vergleichbar sind.
In den Datenbanken sind viele Informationen enthalten, die in dieser Form bisher nicht für die Öffentlichkeit zugänglich waren, z.B. zu fossilen Blättern aus dem Fundus der Museen.

Gemeinsame Datenbank über neuartige Suche zugänglich
Die drei Datenbanken fassen die Forscher über einen sogenannten Datenbank-Knoten zusammen. Christopher Traiser, Paläobotaniker am Naturkundemuseum Stuttgart, wird den Knoten programmieren. Er zeichnet auch für MORPHYLL verantwortlich.
„Unsere Suchfunktion funktioniert über Bilder und damit über Ähnlichkeiten“, erklärt Traiser. „Das heißt, unsere Sortierschlüssel bilden Schnittmengen. Das ist neu und macht die Suche auch für interessierte Laien nutzbar, die sich mit lateinischen Fachbegriffen nicht auskennen.“
Neben der Programmierung ist auch der neue und erstmals einheitliche Bestimmungsschlüssel ein Meilenstein für die Paläobotanik, der verstreutes Wissen bündelt. Dr. Dalitz entwickelte vor 15 Jahren einen Bestimmungsschlüssel für tropische Pflanzen und baute die Datenbank Visualplants mit 30.000 Bildern auf. Diese dient als Grundlage für den paläobotanischen Schlüssel.
„Das funktioniert deswegen so gut, weil es auch in Deutschland und Europa erdgeschichtliche Warmzeiten gab“, erklärt Dr. Dalitz. „Hier wuchsen Pflanzen, die es heute noch in den Tropen oder in Nordamerika, aber nicht mehr hier in Europa, gibt.“

Hintergrund: Botanik und Archäo-/Paläobotanik an der Universität Hohenheim
Die Hohenheimer Gärten der Universität Hohenheim sind ein Gartenensemble, das seit nahezu 250 Jahren Pflanzen sammelt und kultiviert. Viele hundert Arten aus Europa, Nordamerika und Asien sind hier zu finden und über eine Datenbank mit ihren Standorten im Garten auch wiederzufinden. Besonders unter den Baumarten sind viele, die für das Projekt DIGIPHYLL als direkte Verwandte der Pflanzen in Frage kommen und über dieses Projekt digital verfügbar gemacht werden sollen.
Die Paläobotanik an der Universität Hohenheim befasst sich mit der Rekonstruktion historischer Umwelten mit Mikroresten (Pollen) und Makroresten sowie mit der Analyse von Jahrringen als Werkzeug für die Klimarekonstruktion.

Hintergrund: Forschung und Paläobotanik am Naturkundemuseum Stuttgart
Das Naturkundemuseum Stuttgart ist eines der größten naturkundlichen Forschungsmuseen in Deutschland mit einer international bedeutenden Sammlung. Diese wertvollen Archive des Lebens und der Artenvielfalt bilden die Basis für biosystematische Forschungsarbeit. Die Verbindung von naturkundlicher Forschung und breit gefächerter Wissensvermittlung ist das Kennzeichen des Staatlichen Museums für Naturkunde Stuttgart. Das Museum ist in einer Vielzahl von internationalen Forschungsprojekten tätig und hat eine große Expertise im Bereich der Artenerfassung, Artenbestimmung und der Erforschung von Ökosystemen.
Die Sammlung fossiler Pflanzen des Museums umfasst etwa 25.000 Objekte, vor allem Landpflanzenreste vom Devon (Erdaltertum) bis zum Pleistozän (Erdneuzeit) vor allem aus Europa.

Hintergrund: Landesinitiative„Kleine Fächer“
Mit der Landesinitiative möchte das Land Baden-Wüttemberg die Leistungsfähigkeit und Kompetenzen kleiner wissenschaftlicher Fächer sichern. Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst stellt für die Entwicklung des webbasierten Kompetenztools DIGIPHYLL: Digitale Kompetenzvermittlung für die Paläobotanik in Forschung und Lehre 185.000 Euro zur Verfügung.

Links
http://db.gaerten.uni-hohenheim.de
http://www.visualplants.de
http://www.morphyll.naturkundemuseum-bw.de

http://www.naturkundemuseum-bw.de



Kontakt für Medien:

Dr. rer. nat. Helmut Dalitz, Universität Hohenheim, Hohenheimer Gärten,
T 0711 459-22181, E hdalitz@uni-hohenheim.de

PD Dr. Anita Roth-Nebelsick, Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart, Fossile Pflanzen
T 0711 8936-148, E anita.rothnebelsick@smns-bw.de


Text: Töpfer
Universität Hohenheim
Pressestelle
70593 Stuttgart
Tel.: 0711 459-22003
Fax: 0711 459-23289

Dienstag, 16. Mai 2017

Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften: Adipositas lässt Gehirn schneller altern

Starkes Übergewicht erhöht nicht nur das Risiko, an Diabetes mellitus, Herzinsuffizienz oder Arteriosklerose zu erkranken, sondern gefährdet auch das Gehirn und seine geistigen Fähigkeiten. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS) in Leipzig haben nun herausgefunden, dass bei Adipösen höheren Alters das sogenannte Default Mode Network schwächer vernetzt ist und dadurch Prozesse wie Erinnern und Planen schlechter funktionieren könnten. Das ist ein wichtiges Indiz für eine frühzeitig drohende Alzheimer-Demenz.

„Wir haben bereits lange vermutet, dass ein hoher Body Mass Index auch dem Gehirn schadet. Jetzt haben wir direkte Hinweise dafür gefunden“, so Veronica Witte, Leiterin der zugrundeliegenden Studie und der Forschungsgruppe Altern und Adipositas am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS). „Wir haben beobachtet, dass bei stark Übergewichtigen innerhalb eines bestimmten Netzwerks einige Regionen schwächer miteinander verbunden sind. Dadurch können in diesem sogenannten Default Mode Network, kurz DMN, die einzelnen Regionen schlechter zusammenarbeiten.“

Das DMN wird zum einen aktiv, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf unseren inneren Zustand richten, unseren Gedanken freien Lauf lassen oder uns erinnern. Zum anderen scheint es aber auch jene Aufgaben zu unterstützen, die unmittelbar einer Handlung vorangehen oder sie begleiten, etwa wenn wir etwas gezielt planen, koordinieren, Hindernisse einplanen und unsere Impulse kontrollieren.

Das Brisante dabei: Ein weniger vernetztes DMN ist auch ein frühes Signal für ein höheres Risiko an Alzheimer-Demenz zu erkranken. Anzeichen, die sonst erst im hohen Alter oder bei drohender Demenz zu sehen sind, zeigen sich damit bei stark Übergewichtigen bereits früher im Laufe ihres Lebens.
Bisher war nicht klar, ob möglicherweise sogar das Gegenteil der Fall sein könnte: Dass also Übergewicht im höheren Alter sogar einen gewissen Schutz gegenüber Alzheimer bieten könnte – so, wie beispielsweise die Sterberate nach einem Schlaganfall oder einigen anderen Alterserkrankungen bei Übergewichtigen geringer ist“, so die Neurowissenschaftlerin. „In unserem Falle zeigte sich dieses als Adipositas-Paradoxon bezeichnete Phänomen nicht. Adipositas scheint das Gehirn schneller altern zu lassen und damit das Risiko gegenüber einer Alzheimer-Demenz zu erhöhen.“

Bisherige Studien zum Zusammenhang zwischen Adipositas und Hirnstruktur wurden vor allem an jüngeren Personen, mit geringer Teilnehmerzahl durchgeführt, sodass es teilweise zu widersprüchlichen Ergebnissen kam. Die gefunden Zusammenhänge waren somit nicht direkt auf ältere Menschen übertragbar. In dieser in Kooperation mit dem Leipziger Forschungszentrum für Zivilisationskrankheiten (LIFE) durchgeführten Studie waren hingegen über 700 gesunde 60- bis 80-jährige Studienteilnehmer ohne Vorbelastungen durch einen Schlaganfall oder Ähnliches untersucht worden. Die Ergebnisse der Leipziger Neurowissenschaftler, die zusätzlich weitere Risikofaktoren wie Rauchen, Depression und Bluthochdruck einbezogen, können damit als besonders aussagekräftig gewertet werden.

Dennoch sind ihre Ergebnisse nur Momentaufnahmen. „Interessant wäre es nun, in zukünftigen Studien zu beobachten, wie sich das DMN bei unseren Probanden in den nächsten Jahren entwickelt und welche Auswirkungen das wiederum auf die geistige Leistungsfähigkeit hat. Oder wie es sich beispielsweise verändert, wenn sie ihren Lebensstil radikal umstellen und ihr Körpergewicht reduzieren“, fügt Witte hinzu.

Originalpublikation
Beyer F, Kharabian Masouleh S, Huntenburg JM, Lampe L, Luck T, Riedel-Heller SG, Loeffler M, Schroeter ML, Stumvoll M, Villringer A, Witte AV (2017) Higher body mass index is associated with reduced posterior default mode connectivity in older adults. Hum Brain Mapp. doi: 10.1002/hbm.23605.
Ansprechpartnerinnen

Dr. Veronica Witte
Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig
Tel. 0341 9940-2426
witte@cbs.mpg.de

Verena Müller
Pressereferentin
Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig
Tel. 0341 9940-148
verenamueller@cbs.mpg.de

Das Ziel des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig ist die Erforschung von kognitiven Fähigkeiten und Gehirnprozessen beim Menschen. Ein Hauptaugenmerk unserer Forschung gilt den neuronalen Grundlagen von höheren Hirnfunktionen wie Sprache, Emotionen und Sozialverhalten, Musik und Handlung. Einen Überblick über unsere Forschungsthemen finden Sie hier.

Die Max-Planck-Gesellschaft ist eine gemeinnützige Forschungseinrichtung, die in der Rechtsform eines eingetragenen Vereins organisiert ist. Die Institute und Einrichtungen der Max-Planck-Gesellschaft sind organisatorisch weitgehend selbständig.

Montag, 15. Mai 2017

Mehr Schule wagen - Stiftungen legen Empfehlungen für bessere Ganztagsschulen vor



Nur einer von zehn Schülern in Deutschland ging 2002 auf eine Ganztagsschule. Heute lernen dort fast 40 Prozent aller Schüler. Für den Ausbau wurden große Anstrengungen unternommen, doch Bildungsforscher sind ernüchtert: Viele Ganztagsschulen nutzen die pädagogischen Potenziale nicht. Vier Stiftungen, die sich für bessere Bildung engagieren, haben deshalb umfassende Empfehlungen erarbeitet, was Politik und Verwaltung ändern sollten.

Eine Qualitätsoffensive für Ganztagsschulen – das fordern vier große deutsche Bildungsstiftungen. Der bisherige Ausbau sei nach dem Motto „Masse statt Klasse“ verlaufen: Zwar ist die Zahl der Ganztagsangebote in den vergangenen 15 Jahren enorm gestiegen. Das damit verbundene Versprechen auf bessere individuelle Förderung und mehr Chancengerechtigkeit jedoch werde kaum eingelöst, weil die politischen Vorgaben und Rahmenbedingungen unbefriedigend seien. Bertelsmann Stiftung, Robert Bosch Stiftung, Stiftung Mercator und Vodafone Stiftung Deutschland empfehlen deshalb eine neue Definition von Ganztagsschule. Zu den wichtigsten Vorschlägen ihrer heute veröffentlichten Studie „Mehr Schule wagen“ gehören längere Öffnungszeiten, bessere pädagogische Konzepte, mehr Gestaltungsspielräume für die Schulleitungen und eine höhere finanzielle Ausstattung.

Jeden Tag acht Stunden geöffnet
Fünf mal acht: „Ganztagsschulen sollen an fünf Tagen in der Woche mit jeweils acht Zeitstunden kostenfrei geöffnet sein“, heißt es in dem Papier der vier Stiftungen. Für die Schüler würde das nicht bedeuten, die kompletten 40 Wochenstunden in der Schule verbringen zu müssen. Aber es gäbe Kernzeiten, in denen für alle Schüler einer Jahrgangsstufe Anwesenheitspflicht besteht.

Diese Empfehlung weicht erheblich von der aktuellen Regelung der Kultusministerkonferenz (KMK) ab: Der zufolge darf sich schon Ganztagsschule nennen, wer an drei Tagen in der Woche sieben Stunden geöffnet hat. Zwar erfüllt mehr als die Hälfte aller deutschen Schulen derzeit diesen Mindeststandard. Allerdings reicht dieses Zeitkontingent nicht aus, um den starren 45-Minuten-Takt aufzulösen, einen pädagogisch sinnvollen Rhythmus aus Lern-, Arbeits- und Spielzeiten einzurichten sowie angemessen individuell auf die Stärken und Schwächen der Schüler einzugehen.

Hausaufgaben abschaffen
Ebenfalls wichtig: ein gesundes Mittagessen, längere Pausen und feste Arbeitszeiten, in denen der Unterrichtsstoff wiederholt und vertieft wird. In diesen Stunden sollen die Schüler nicht nur beaufsichtigt, sondern vom Klassenlehrer oder von Fachlehrern betreut werden, die auch sonst die Klasse unterrichten. „Solche Arbeitsformen machen es dann auch möglich, Hausaufgaben generell abzuschaffen“, heißt es in den Stiftungsempfehlungen.

Wären diese Kriterien bundesweit verbindlich, würden KMK und Länder die Leitplanken künftig deutlich enger setzen: Etliche Ganztagsschulen müssten ihr Angebot erheblich ausweiten und qualitativ hinterfragen oder auf das Etikett Ganztag verzichten. Das Modell aus 40 Wochenstunden mit Kern- und Angebotszeiten ließe auch die heutige Unterteilung in gebundene und offene Ganztagsschulen überflüssig werden. Diese beiden heutigen Formen von Ganztagsschule machen ihre Ganztagsangebote für die Schüler entweder vollständig verpflichtend oder komplett freiwillig. Um Qualität von Schule zu definieren und zu sichern, tauge diese starre Zweiteilung ohnehin nicht, sagen wissenschaftliche Forschung, pädagogische Praxis und schulpolitische Erfahrungen vor Ort.

Ganztag als pädagogische Chance begreifen
Politik und Verwaltung werden in der Studie aufgefordert, den einzelnen Schulen mehr Personal, größere Unterstützung und höhere organisatorische Gestaltungsfreiheit einzuräumen. Mehr Gestaltungsspielräume sollen die Schulleitungen insbesondere bei der Bewirtschaftung ihrer Mittel und bei der Auswahl des Personals erhalten. „Eine gute Ganztagsschule benötigt genügend pädagogische Fachkräfte, die den Ganztagscharakter als pädagogische Chance begreifen“, schreiben die vier Stiftungen. Um im Kollegium eine gemeinsame pädagogische Grundorientierung zu entwickeln, sind spezifische Fortbildungen, Coaching und wissenschaftliche Begleitung wünschenswert. Diese Unterstützung der mittel- und langfristigen Schulentwicklung sollte ergänzt werden durch mehr Ressourcen für Alltagsorganisation, für die zusätzliches Verwaltungspersonal und neue Arbeitszeitmodelle notwendig sind.


Zusatzinformationen:
Mit „Mehr Schule wagen: Empfehlungen für guten Ganztag“ legen die Bertelsmann Stiftung, die Robert Bosch Stiftung, die Stiftung Mercator und die Vodafone Stiftung Deutschland erstmals ein umfassendes Konzept zur Qualität im Ganztag vor, das Rahmenbedingungen und Qualitätsmerkmale gemeinsam betrachtet. Der Qualitätsrahmen basiert auf einer systematischen Auswertung des Handlungswissens exzellenter Ganztagsschulen, die für ihre herausragende pädagogische Arbeit mit dem Deutschen Schulpreis oder dem Jakob Muth-Preis ausgezeichnet worden waren. Dazu analysierte eine Forschergruppe aus Prof. Dr. Falk Radisch (Universität Rostock), Prof. em. Dr. Klaus-Jürgen Tillmann (Bielefeld) und Prof. em. Dr. Klaus Klemm (Essen) das Konzept und den Schulalltag von zehn Ganztagsschulen Anfang Mai haben die Stiftungen ihre Empfehlungen dem Schulausschuss der Kultusministerkonferenz in Berlin vorgestellt.

Download der Studie „Mehr Schule wagen – Empfehlungen für guten Ganztag“ unter:
www.stiftung-mercator.de/mehrschulewagen


Ansprechpartner:
Bertelsmann Stiftung
Dr. Dirk Zorn, dirk.zorn@bertelsmann-stiftung.de, Tel. 05241/81-81546
www.bertelsmann-stiftung.de

Robert Bosch Stiftung
Carolin Genkinger, Carolin.Genkinger@bosch-stiftung.de, Tel. 0711/46084-754

Stiftung Mercator
Dr. Petra Strähle, Petra.Straehle@stiftung-mercator.de, Tel. 0201/24522-811

Vodafone Stiftung Deutschland
Dr. Johanna Börsch-Supan, J.Boersch-Supan@vodafone.com, Tel. 0211/533-7924




Mittwoch, 26. April 2017

Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften: Hör’ mal, wer da spricht


Einigen Menschen ist es nicht möglich, andere Menschen – selbst enge Familienmitglieder und Freunde –  an ihrer Stimme zu erkennen. Was hinter diesem Phänomen steckt, war bisher kaum bekannt. Wissenschaftlerinnen des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS) in Leipzig ist es nun gelungen, wesentliche Einblicke in dessen neuronale Mechanismen zu gewinnen. Das könnte nicht nur all denen helfen, die Schwierigkeiten haben, Stimmen zuzuordnen, sondern auch wichtige Erkenntnisse darüber liefern, wie unser Gehirn generell Stimmen verarbeitet.
Die Leipziger Neurowissenschaftler haben herausgefunden, dass die Hauptursache für Phonagnosie ein Fehler in stimmenselektiven Hirnarealen und deren Verbindungen im rechten Temporallappen ist, also in Arealen, die auf die Stimmenidentität spezialisiert sind. © MPI CBSBild vergrößern
Die Leipziger Neurowissenschaftler haben herausgefunden, dass die Hauptursache für Phonagnosie ein Fehler in ... [mehr]






































Zunächst ertönen drei weibliche, dann drei männliche Stimmen. 20 Minuten lang sagen sie kurze Sätze wie „der Bäcker verkauft warme Brötchen“ oder „das Kaninchen hoppelt über die Wiese“. Parallel dazu erscheint in diesem zu jeder Stimme der Name des Sprechers auf dem Bildschirm.
Den meisten Menschen gelingt es innerhalb dieses Onlinetests zur Stimmenerkennung gut, Stimme und Name der Person einander richtig zuzuordnen. Susanne Schmieder* und Franz Richter* jedoch nicht. Sie haben eine angeborene Phonagnosie, das heißt, sie können Menschen nicht anhand ihrer Stimme erkennen. Sie verstehen zwar, was eine andere Person sagt, und können auch anhand ihrer Stimme einschätzen, ob sie gerade wütend, traurig oder fröhlich ist. Sie können ihr jedoch keine Identität zuordnen, wenn sie diese Person nicht gleichzeitig sehen - etwa bei einem Telefongespräch.
Bisher war dieses Phänomen kaum untersucht, die neuronalen Ursachen unbekannt. Wissenschaftlerinnen des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig ist es nun gelungen, die Mechanismen im Gehirn von Betroffenen zu identifizieren. „Wir haben herausgefunden, dass die Hauptursache für Phonagnosie ein Fehler in stimmenselektiven Hirnarealen und deren Verbindungen im rechten Temporallappen ist, also in Arealen , die auf die Stimmenidentität spezialisiert sind“, so Claudia Roswandowitz, Erstautorin der zugrundeliegenden Studie, die nun im renommierten Fachmagazin NeuroImage erschienen ist.
Das Interessante dabei: Die Neurowissenschaftlerinnen konnten anhand von Untersuchungen an Hirnfunktionen beweisen, was sie bereits in Verhaltensstudien beobachtet hatten: Es gibt zwei verschiedene Typen der Phonagnosie, die auf verschiedenen neuronalen Fehlfunktionen basieren. Susanne Schmieder* leidet unter Schwierigkeiten bei der Wahrnehmung von Stimmen. Dadurch kann sie einer Stimme in dem seltenen Fall, in dem sie sie überhaupt erkennt, zwar ein Gesicht, einen Namen oder andere Informationen der Person zuordnen. Sie kann jedoch zwei unbekannte Stimmen nicht voneinander unterscheiden. Bei ihr sind die stimmenselektiven Hirnareale während der Verarbeitung von Stimmen weniger aktiv als bei Menschen ohne diese Schwierigkeiten.
Franz Richter* wiederum kann zwar prinzipiell Stimmen voneinander unterscheiden, also etwa erkennen, dass gerade der Sprecher gewechselt hat. Ihm fällt es jedoch sehr schwer, mit einer Stimme persönliche Informationen zu verknüpfen. Sein Defizit ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass die Verbindung zwischen den stimmenselektiven Arealen und den Hirnregionen, die die Stimme weiterverarbeiten und ihr etwa einen Namen zuordnen, nicht richtig funktioniert. Die zusätzlichen Informationen können somit nicht mit der Stimme verknüpft werden.
„Diese beiden Unterformen der Phonagnosie belegen, dass  beide Komponenten, sowohl die Wahrnehmung der Stimme als auch  die Assoziation weiterer Informationen zu der Stimme, relevant für die Stimmerkennung sind. Fällt jedoch einer der beiden Komponenten aus, tritt die Phonagnosie auf“, erklärt die Neurowissenschaftlerin.
Diese Erkenntnisse können nun nicht nur helfen, dieses Phänomen besser zu verstehen und darauf aufbauend Therapien zu entwickeln, um Betroffenen zu helfen. Vielmehr geben sie uns auch eine genauere Vorstellung davon, was genau im Gehirn geschieht, während wir Stimmen erkennen. An gesunden Probanden lassen sich solche selektiven Hirnprozesse nur schwer untersuchen, da sich weniger gut voneinander trennen lässt, wo etwa der Inhalt, die Emotion und letztlich die Identität des Gesprochenen verarbeitet wird. Ist jedoch ein abgegrenztes Defizit klar mit einer fehlerhaften Hirnfunktion in Verbindung zu bringen, lässt sich die Stimmenerkennung eindeutiger einem neuronalen Puzzlestück zuordnen.
„Wir gehen davon aus, dass es zwischen zwei und drei Prozent der Bevölkerung schwer fällt,  Personen anhand ihrer Stimme zu identifizieren“. so Studienleiterin Katharina von Kriegstein.  „Von Probanden aus dem Autismus-Spektrum wissen wir zum Beispiel, dass sie zwar Stimmen nicht gut erkennen können, aber auch Probleme damit haben, Gesichter zu identifizieren. Eine ‚pure’ Phonagnosie, bei der die Betroffenen keinerlei andere neurologische Auffälligkeiten zeigen, sei dagegen wahrscheinlich ein selteneres Phänomen. Susanne Schmieder* und Franz Richter* sind in Deutschland bisher die einzigen, weltweit zwei von drei bekannten Fällen. Um sie zu finden, hatten die Leipziger Wissenschaftler ein umfangreiches Testverfahren entwickelt, in dem an erster Stelle der 20-minütige Onlinetest steht. Mit zunehmend feineren Messverfahren konnten sie schließlich aus mehr als tausend Testteilnehmern die beiden Probanden mit ‚purer Phonagnosie‘ herauskristallisieren.

Mittwoch, 19. April 2017

Ein Festtag fürs Lesen: UNESCO-Welttag des Buches und des Urheberrechts am 23. April


Lesungen, Verlagsführungen und Buchverschenk-Aktionen zum Welttag des Buches / Buchhandlungen, Verlage, Bibliotheken und Schulen in ganz Deutschland beteiligen sich

Am 23. April feiern Lesebegeisterte in über 100 Ländern den UNESCO-Welttags des Buches und des Urheberrechts. Deutschlandweit veranstalten Buchhandlungen, Verlage, Bibliotheken und Schulen zahlreiche Aktionen, darunter rund 100 Lesungen. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und die Stiftung Lesen koordinieren den Welttag in Deutschland. Informationen zu den Aktionen sind auf der Seite www.welttag-des-buches.de abrufbar.
„Bücher sind ein Tor zur Welt. Sie schlagen Brücken zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen unterschiedlichen Generationen und Kulturen. Mit dem Lesen oder Hören eines Buches trainieren wir unsere Fähigkeit, andere Menschen über kulturelle und geographische Grenzen hinweg zu verstehen. Diese Fähigkeit ist ein unschätzbares Gut für die persönliche und gesellschaftliche Entwicklung“, sagt Dr. Roland Bernecker, Generalsekretär der Deutschen UNESCO-Kommission.

„Der Welttag des Buches macht seit über zwanzig Jahren auf die Bedeutung von Büchern und des Lesens für unsere Gesellschaft aufmerksam. Dies ist umso wichtiger in einer Zeit, in der das Urheberrecht vom Gesetzgeber immer weiter eingeschränkt werden soll. Damit Qualität und Vielfalt auf dem Buchmarkt erhalten bleiben, müssen Autoren und Verlage für ihre Leistung angemessen entlohnt werden. Nur so können sie Bücher und Ideen zu den Menschen bringen, Debatten anstoßen und zu einer vielfältigen und offenen Gesellschaft beitragen“, sagt Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

„Am Welttag des Buches feiern wir das Lesen und rufen ganz Deutschland dazu auf, Bücher und Geschichten zu verschenken. Machen Sie am 23. April besonders Kindern und Jugendlichen eine Freude. Denn jeder sechste Schüler hat Probleme beim Lesen und Schreiben. Gute Geschichten und gemeinsame Lektüre sind die beste Unterstützung, am Welttag des Buches und an jedem anderen Tag des Jahres“, so Dr. Jörg F. Maas, Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen.

Über eine Million Kinder bekommen zum Welttag den Abenteuerroman „Das geheimnisvolle Spukhaus“ von Henriette Wich mit Illustrationen von Timo Grubing geschenkt. Im Rahmen der Aktion „Ich schenk dir eine Geschichte“ können sich Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 4 und 5 sowie von Integrations-, Förder- und Willkommensklassen ihr persönliches Exemplar gegen Vorlage eines Gutscheins in einer der 3.500 teilnehmenden Buchhandlungen abholen. „Ich schenk dir eine Geschichte“ ist eine gemeinsame Aktion von Stiftung Lesen, Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Deutsche Post, cbj Verlag und ZDF und steht unter der Schirmherrschaft der Kultusminister der Länder.

Auch zahlreiche Zusteller der Deutschen Post überreichen Menschen in ganz Deutschland kostenlos Bücher. Mit dem Geschenk erhalten die Empfänger den Aufruf, sich ebenfalls am Welttag des Buches zu beteiligen.
Bundesweit laden rund 100 Verlage zu ihrer Aktion zum Welttag des Buches ein: Unter dem Motto #verlagebesuchen öffnen Verlage ihre Türen und bieten Lesungen, Werkstattgespräche oder Führungen an. Das Programm der Aktion, die von den Landesverbänden des Börsenvereins initiiert wurde, ist abrufbar unter www.verlagebesuchen.de.

In 100 Buchhandlungen lesen Kinder- und Jugendbuchautoren im Rahmen der Aktion „Lese-Reise“. Sie wird bereits zum zehnten Mal von der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen e.V. (avj) und dem Sortimenter-Ausschuss im Börsenverein organisiert.

Die UNESCO-Generalkonferenz hat 1995 den 23. April zum „Welttag des Buches und des Urheberrechts“ ausgerufen. Das Datum geht auf eine Tradition in Katalonien zurück: Zum Namenstag des Schutzheiligen St. Georg werden dort Rosen und Bücher verschenkt. Der 23. April ist zugleich der Todestag von William Shakespeare und Miguel de Cervantes.

Weitere Informationen sind unter www.welttag-des-buches.de abrufbar.

Kontakt für die Medien:
Börsenverein des Deutschen Buchhandels
Leiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Thomas Koch
Telefon 069 1306-293
t.koch@boev.de


Stiftung Lesen
PR-Managerin
Franziska Hedrich
Telefon 06131 28890-28
Franziska.Hedrich@stiftunglesen.de



Deutsche UNESCO-Kommission
Pressesprecherin
Katja Römer
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Was die anderen Hochbegabten anders machen – ein Beispiel aus der Wirtschaft für die Politik


Foto: Ralf Voigt


Man erkennt sie.

Es sind die kleinen Einsteins, die Picassos und die Mozarts. Sie lesen schon mit sechs Jahren „The New York Times“, korrespondieren mit fünf Jahren in Mandarin und spielen mit vier Jahren die Spatzenmesse in C-Dur. Später studieren sie dann bereits mit 14 an einer Uni und werden jüngster Professor oder jüngste Professorin.

Man kennt sie.

Dann gibt es noch die anderen.

Ihre Begabung ist nicht so offensichtlich. Oder: offensichtlich nur für Eingeweihte. Für Kennerinnen und Kenner. Wahrscheinlich stehen sie nicht in einem Labor. Ob sie mit dem Pinsel umgehen können? Seien Sie tapfer: Wohl eher nicht so. Ob sie eine Stradivari zu schätzen wissen? Hm.

Und doch haben sie ihre Begabung. Erkennbar wie gesagt fast nur für Eingeweihte.

Ein Beispiel: Ich war Mitglied in einem Verband, der das Wort „Wirtschaft“ in seinem Namen trägt. Es ging um ein Thema, das alle Menschen bewegt. Wirklich alle. Wirklich jeden. Es ging um Politik. Und um den Anlauf zu einem neuen Gesetz. Man diskutierte. Und fragte sich, wie man denn überzeugend argumentieren könnte.

Ich erwähnte den Gedanken einer Befragung. Sie kennen das: In jeder grösseren Stadt stehen diese Interviewer auf der grossen Einkaufsstrasse und wollen wissen, welche Zahnpasta, welches Waschmittel, welche Automarke Sie bevorzugen. Strasseninterviews nennen wir das. Wir, das sind meine Kolleg*innen aus der Marktforschung und ich. Ich hatte damals ein Institut für Markt- und Kommunikationsforschung. Unsere Klienten aus der Politik und Wirtschaft waren bekannt und angesehen und wir waren stolz darauf, für sie forschen zu dürfen.

In meinem Verband war das bekannt.

Ja. Sagte man: Eine Befragung auf der Strasse ist ein überzeugendes Argument. Wir – wer auch immer „wir“ sein sollte – wir stellen uns auf die Strasse und befragen die Menschen. Und dann geben wir – und das war der Sinn der Sache – das Ergebnis an den OB der Stadt. Einer von meinen Kollegen im Verband meinte dann: Ob wir wohl 50 Menschen dazu bewegen können, mit uns zu reden?

Wie, sagte ich: 50 Menschen?

Ja. Sagten die anderen. 50 Menschen wäre eine tolle Sache.

Klar sind 50 Menschen eine tolle Sache. Aber: Wie wollen wir einen OB mit den Stimmen von 50 Menschen motivieren, ein neues Gesetz in Gang zu bringen? Nach einer halben Stunde hatte man sich auf 100 Menschen geeinigt. Mit dem Zusatz: Ob wir das wohl schaffen werden?

Warum so zaghaft?

Die Jungs und Mädels, die hier zusammen sassen, waren die Menschen, die täglich über Millionen entschieden. Ihre Denkweisen waren nicht 100 oder 1.000. Es waren 1.000.000 und mehr!

Mir war klar, dass ich meine lieben Kolleginnen und Kollegen jetzt schockieren musste. Nicht weil ich Schocks mag – aber ich musste ihnen schon sagen, wie so etwas in der Realität funktioniert. Dass man an den verantwortlichen Stellen – sorry – 100 Menschen als Beweis nicht gelten lassen wird. Man wird schmunzeln und zur Tagesordnung übergehen.

Noch bevor ich den Gedanken: „Wie sag‘ ich es das denn jetzt?“ zu einem Satz modellieren konnte, war es raus:

1.000 INTERVIEWS!
1.000 Interviews?

Das Entsetzen war gross. Nur unser Präsident war begeistert. Und dann ging das los, was zumeist los geht, wenn ein Hochbegabter – eine Hochbegabte – eine Idee und einen Weg vor Augen hat: GEHT NICHT! FUNKTIONIERT NICHT! SCHAFFEN WIR NICHT! WIR SIND DOCH NICHT VERRÜCKT! WER SOLL DAS DENN ALLES ZAHLEN?

Ich hörte mir das eine Stunde an, während ich das Konzept schrieb, die Umsetzung des Konzepts plante und einen Entwurf für den Fragebogen entwarf. Unser Präsident hatte mich aus den Augenwinkeln beobachtet und rief mich auf – nach vorne zu kommen und die Einzelheiten zu präsentieren. Gesagt. Getan.
Wir fanden über 50 Mitglieder aus dem Wirtschafts-Verband, die mitmachten. Manager*innen, die ich mit meinem Team für diesen Einsatz schulte. Es waren wohl die Interviewer*innen mit den höchsten Stundenlöhnen, die hier und heute ehrenamtlich auf die Strasse gingen und sehr mutig die Menschen nach ihrer Meinung befragten.

Um Mitternacht hatten wir 1.037 Interviews geschafft. Alle von meinen Forscherkollegen und mir kontrolliert. Alle perfekt. Es war ein harter Job – aber selten habe ich ein Team von fast 100 „Mitarbeiter*innen“ so begeistert arbeiten gesehen.

Am nächsten Morgen wurde noch einmal kontrolliert. Und dann gingen die Fragebögen ins Rechenzentrum zur Uni. Ich schrieb dazu einen Bericht für die Präsentation. Mein Team zeigte einen bewundernswerten Einsatz. Und so konnte ich meiner Assistentin auch nicht die Bitte abschlagen, die Ergebnisse beim OB präsentieren zu dürfen.

Der OB schien sehr zufrieden. Und so wanderten unsere Ergebnisse weiter „nach oben“. Und so wurde aus unserer Idee der Beweis, dass die Menschen diese Verbesserung ihres Alltags wirklich wollten.

Schliesslich wurde aus dem Beweis ein Gesetz in Deutschland, das jedem Menschen den Alltag etwas besser macht. Zur Freude der Menschen.
Nein, so faszinierend wie ein Picasso ist dieses Gesetz nicht.

Aber es erleichtert seitdem allen Menschen ihr Leben. Und das Tag für Tag in Deutschland.

Wenn Sie Unternehmer*in sind: Gründen Sie einen Think Tank mit Ihren Hochbegabten und allen, die mutig sind und gross denken und handeln können. Dann sind Sie nicht nur Ihre Probleme los. Sie haben auch die Chance, die Welt ein bisschen besser machen zu können.

Was sagte John F. Kennedy in seiner Antrittsrede am 20. Januar 1961 in Washington, D.C.:

„Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann - fragt, was ihr für euer Land tun könnt (…) fragt, was wir gemeinsam tun können für die Freiheit des Menschen.“[1]

Lilli Cremer-Altgeld
Mobil 0049 1575 5167 001