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Mittwoch, 19. April 2017

Hilfe für Geflüchtete: Die Law Clinic Augsburg bei der Kanzlerin



Mit einer Einladung nach Berlin hat Angela Merkel das ehrenamtliche Engagement von Augsburger Studentinnen und Studenten im Law Clinic-Projekt der Juristischen Fakultät gewürdigt

Augsburg/MK/KPP – Einen Brief aus dem Bundeskanzleramt bekommt man nicht alle Tage. Umso größer war vor einigen Wochen die Überraschung und die Freude an der Juristischen Fakultät der Universität Augsburg: Um die Einsatzbereitschaft der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu würdigen, lud die Bundeskanzlerin die Law Clinic Augsburg gemeinsam mit rund 140 weiteren Initiativen aus ganz Deutschland ins Bundeskanzleramt ein.

Zu Beginn des Jahres 2015 gestartet, hat die Law Clinic Augsburg inzwischen einen festen Platz unter den zahlreichen ehrenamtlichen Projekten für Geflüchtete in Augsburg: Die ca. 50 in diesem Projekt aktiven Studentinnen und Studenten aus der Juristischen, aber auch aus anderen Fakultäten der Universität Augsburg verfassen juristische Gutachten für die Kooperationspartner; sie erarbeiten Vorträge zu rechtlichen Fragestellungen, die sie vor Geflüchteten, vor deren Helferinnen und Helfern und künftig auch in Schulen halten; sie bereiten die Asylbewerberinnen und -bewerber auf das sog. „big interview“ vor und übernehmen ehrenamtliche Vormundschaften für unbegleitete Minderjährige. „Vorher müssen die Studierenden allerdings eine einjährige Ausbildung im Ausländer- und Asylrecht durchlaufen haben, damit die Qualität unserer Arbeit gesichert ist“, betont die Law Clinic-Direktorin Patricia Payome Villoria.

Um die Law Clinic bei ihren Tätigkeiten zu unterstützen, hat die Juristische Fakultät inzwischen auch eine Language Clinic eingerichtet. „Damit überwinden wir zum einen Sprachbarrieren, vor allem aber erhalten die Dolmetscherinnen und Dolmetscher bei der Auseinandersetzung mit der juristischen Fachterminologie Einblick in das Asylrecht“, ergänzt Marie Horstmeier, die die Language Clinic betreut.

„Wenn die Bundeskanzlerin uns jetzt kürzlich nach Berlin eingeladen hat, muss sie von unserer Arbeit wohl sehr beeindruckt sein“, meint Maximilian James. Und seine ebenfalls für die Öffentlichkeitsarbeit zuständige Kollegin Johanna Löffler ergänzt: „Vielleicht ist der Kanzlerin ja auch zu Ohren gekommen, wie hervorragend wir mit unseren Kooperationspartnern vor Ort zusammenarbeiten und dass unsere Arbeit beispielsweise auch vom Verwaltungsgericht Augsburg, von der Augsburger Abteilung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge und der Agentur für Arbeit wohlwollend begleitet wird.“

Als Repräsentant der Law Clinic Augsburg ist Dr. Matthias Kober, Projektleiter seitens der Juristischen Fakultät, am 7. April der Einladung der Kanzlerin nach Berlin gefolgt. Im Kanzleramt hatte er Gelegenheit, sich mit den Vertreterinnen und Vertretern der anderen eingeladenen Initiativen auszutauschen und vor allem an einem zweistündigen Gespräch mit der Kanzlerin und Bundesminister Peter Altmaier, dem zentralen Ansprechpartner für die politische Gesamtkoordinierung aller Aspekte der aktuellen Flüchtlingslage teilzunehmen. „Die Kanzlerin hat sich für das Treffen sehr viel Zeit genommen. Die Offenheit, mit der sie um Verständnis für die Entscheidungen der Bundesregierung geworben hat, hat mich ebenso beeindruckt wie die ehrliche Benennung von Fehleinschätzungen und Punkten, an denen es nicht so rund läuft. Man hat zudem sehr deutlich gespürt, dass die Zusage, Hilfsprojekte für Geflüchtete weiter zu unterstützen keine Floskel, sondern tatsächliches Anliegen der Bundesregierung ist.“

Den Dank, mit dem die Kanzlerin ihre Begrüßungsrede beendet hatte, hat Kober inzwischen gerne an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowie an die Partner der Law Clinic nach Augsburg übermittelt: „Ich danke Ihnen, die Sie gezeigt haben: Für uns stehen die Werte nicht nur in der Verfassung und auf dem Papier, sondern wir versuchen, sie auch zu leben.“ Diesen Dank der Bundeskanzlerin hat Kober inzwischen gerne an alle Aktiven der Law Clinic Augsburg sowie an deren Partner weitergegeben.


Livestream der Veranstaltung mit der Rede der Kanzlerin



Ansprechpartner:

Dr. Matthias Kober
Prodekan für Zentrale Aufgaben und Akademische Angelegenheiten
Juristische Fakultät der Universität Augsburg
86135 Augsburg
Telefon 0821/598-4502


Die Law Clinic Augsburg

Die Law Clinic Augsburg ist ein Projekt der Juristischen Fakultät der Universität Augsburg. Sie geht zurück auf eine Initiative der Studierenden. Die Rechtsanwaltskammer für den OLG Bezirk München, die Stadt Augsburg und das netzwerk4A unterstützen das Projekt als Kooperationspartner. Auf der Grundlage und im Rahmen des Rechtsberatungsgesetzes bietet die Law Clinic Augsburg studentische Rechtsberatung durch engagierte Studierende - zunächst vor allem im Bereich des Flüchtlingsrechts und den damit zusammenhängenden Rechtsgebieten. Durch die Law Clinic Augsburg erweitert die Juristische Fakultät der Universität Augsburg ihr Angebot mit einem extracurricularen Lehrprogramm. Der verpflichtende Besuch dieses Lehrprogramms sichert, neben einer Vielzahl weiterer Maßnahmen, die hohe Qualität des studentischen Arbeitens. Mehr unter http://www.lawclinic-augsburg.de und http://www.netzwerk4a.de

Was die anderen Hochbegabten anders machen – ein Beispiel aus der Wirtschaft für die Politik


Foto: Ralf Voigt


Man erkennt sie.

Es sind die kleinen Einsteins, die Picassos und die Mozarts. Sie lesen schon mit sechs Jahren „The New York Times“, korrespondieren mit fünf Jahren in Mandarin und spielen mit vier Jahren die Spatzenmesse in C-Dur. Später studieren sie dann bereits mit 14 an einer Uni und werden jüngster Professor oder jüngste Professorin.

Man kennt sie.

Dann gibt es noch die anderen.

Ihre Begabung ist nicht so offensichtlich. Oder: offensichtlich nur für Eingeweihte. Für Kennerinnen und Kenner. Wahrscheinlich stehen sie nicht in einem Labor. Ob sie mit dem Pinsel umgehen können? Seien Sie tapfer: Wohl eher nicht so. Ob sie eine Stradivari zu schätzen wissen? Hm.

Und doch haben sie ihre Begabung. Erkennbar wie gesagt fast nur für Eingeweihte.

Ein Beispiel: Ich war Mitglied in einem Verband, der das Wort „Wirtschaft“ in seinem Namen trägt. Es ging um ein Thema, das alle Menschen bewegt. Wirklich alle. Wirklich jeden. Es ging um Politik. Und um den Anlauf zu einem neuen Gesetz. Man diskutierte. Und fragte sich, wie man denn überzeugend argumentieren könnte.

Ich erwähnte den Gedanken einer Befragung. Sie kennen das: In jeder grösseren Stadt stehen diese Interviewer auf der grossen Einkaufsstrasse und wollen wissen, welche Zahnpasta, welches Waschmittel, welche Automarke Sie bevorzugen. Strasseninterviews nennen wir das. Wir, das sind meine Kolleg*innen aus der Marktforschung und ich. Ich hatte damals ein Institut für Markt- und Kommunikationsforschung. Unsere Klienten aus der Politik und Wirtschaft waren bekannt und angesehen und wir waren stolz darauf, für sie forschen zu dürfen.

In meinem Verband war das bekannt.

Ja. Sagte man: Eine Befragung auf der Strasse ist ein überzeugendes Argument. Wir – wer auch immer „wir“ sein sollte – wir stellen uns auf die Strasse und befragen die Menschen. Und dann geben wir – und das war der Sinn der Sache – das Ergebnis an den OB der Stadt. Einer von meinen Kollegen im Verband meinte dann: Ob wir wohl 50 Menschen dazu bewegen können, mit uns zu reden?

Wie, sagte ich: 50 Menschen?

Ja. Sagten die anderen. 50 Menschen wäre eine tolle Sache.

Klar sind 50 Menschen eine tolle Sache. Aber: Wie wollen wir einen OB mit den Stimmen von 50 Menschen motivieren, ein neues Gesetz in Gang zu bringen? Nach einer halben Stunde hatte man sich auf 100 Menschen geeinigt. Mit dem Zusatz: Ob wir das wohl schaffen werden?

Warum so zaghaft?

Die Jungs und Mädels, die hier zusammen sassen, waren die Menschen, die täglich über Millionen entschieden. Ihre Denkweisen waren nicht 100 oder 1.000. Es waren 1.000.000 und mehr!

Mir war klar, dass ich meine lieben Kolleginnen und Kollegen jetzt schockieren musste. Nicht weil ich Schocks mag – aber ich musste ihnen schon sagen, wie so etwas in der Realität funktioniert. Dass man an den verantwortlichen Stellen – sorry – 100 Menschen als Beweis nicht gelten lassen wird. Man wird schmunzeln und zur Tagesordnung übergehen.

Noch bevor ich den Gedanken: „Wie sag‘ ich es das denn jetzt?“ zu einem Satz modellieren konnte, war es raus:

1.000 INTERVIEWS!
1.000 Interviews?

Das Entsetzen war gross. Nur unser Präsident war begeistert. Und dann ging das los, was zumeist los geht, wenn ein Hochbegabter – eine Hochbegabte – eine Idee und einen Weg vor Augen hat: GEHT NICHT! FUNKTIONIERT NICHT! SCHAFFEN WIR NICHT! WIR SIND DOCH NICHT VERRÜCKT! WER SOLL DAS DENN ALLES ZAHLEN?

Ich hörte mir das eine Stunde an, während ich das Konzept schrieb, die Umsetzung des Konzepts plante und einen Entwurf für den Fragebogen entwarf. Unser Präsident hatte mich aus den Augenwinkeln beobachtet und rief mich auf – nach vorne zu kommen und die Einzelheiten zu präsentieren. Gesagt. Getan.
Wir fanden über 50 Mitglieder aus dem Wirtschafts-Verband, die mitmachten. Manager*innen, die ich mit meinem Team für diesen Einsatz schulte. Es waren wohl die Interviewer*innen mit den höchsten Stundenlöhnen, die hier und heute ehrenamtlich auf die Strasse gingen und sehr mutig die Menschen nach ihrer Meinung befragten.

Um Mitternacht hatten wir 1.037 Interviews geschafft. Alle von meinen Forscherkollegen und mir kontrolliert. Alle perfekt. Es war ein harter Job – aber selten habe ich ein Team von fast 100 „Mitarbeiter*innen“ so begeistert arbeiten gesehen.

Am nächsten Morgen wurde noch einmal kontrolliert. Und dann gingen die Fragebögen ins Rechenzentrum zur Uni. Ich schrieb dazu einen Bericht für die Präsentation. Mein Team zeigte einen bewundernswerten Einsatz. Und so konnte ich meiner Assistentin auch nicht die Bitte abschlagen, die Ergebnisse beim OB präsentieren zu dürfen.

Der OB schien sehr zufrieden. Und so wanderten unsere Ergebnisse weiter „nach oben“. Und so wurde aus unserer Idee der Beweis, dass die Menschen diese Verbesserung ihres Alltags wirklich wollten.

Schliesslich wurde aus dem Beweis ein Gesetz in Deutschland, das jedem Menschen den Alltag etwas besser macht. Zur Freude der Menschen.
Nein, so faszinierend wie ein Picasso ist dieses Gesetz nicht.

Aber es erleichtert seitdem allen Menschen ihr Leben. Und das Tag für Tag in Deutschland.

Wenn Sie Unternehmer*in sind: Gründen Sie einen Think Tank mit Ihren Hochbegabten und allen, die mutig sind und gross denken und handeln können. Dann sind Sie nicht nur Ihre Probleme los. Sie haben auch die Chance, die Welt ein bisschen besser machen zu können.

Was sagte John F. Kennedy in seiner Antrittsrede am 20. Januar 1961 in Washington, D.C.:

„Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann - fragt, was ihr für euer Land tun könnt (…) fragt, was wir gemeinsam tun können für die Freiheit des Menschen.“[1]

Lilli Cremer-Altgeld
Mobil 0049 1575 5167 001